Weihnachten 2012 • Die Erdbeere

Weihnachten 2012

Posted by on Dec 24, 2012 in Geschichten und Reisen, Weihnachten, Wien

Erinnerungen und eine wirklich schöne Geschichte.

Weihnachtsgeschichte Beer-Hoffmann

Nun ist er also da, der heissersehnte Weihnachtstag!

Die Christbaumverkäufer auf den Plätzen und vor den Kirchen Wiens haben eine deutlich kleinere Auswahl als noch vor einer Woche.

Langsam zieht die Stille in unsere Stadt ein. Die Menschheit hört auf einmal zu rennen, zu kaufen, zu backen, zu putzen, zu basteln auf und jeder zieht sich in sein warmes Stübchen zurück.

Alles, ob gross oder klein erwartet den Heiligen Abend mit freudiger Spannung!

Auch ich bin eine davon. Auch die über dreissig Lebensjahre, die ich nun schon ‘auf dem Buckel‘ habe, können mich keineswegs davon abhalten, mich wie ein kleines Kind auf Weihnachten zu freuen.

Butterkeks

Marzipan

Pasta-di-Mandorla

Butterkekse-mit-Beschriftung

Gefüllter-Lebkuchen

Als wir Kinder waren, stand, bevor es um vier Uhr zur Messe ging, immer ein Besuch im Technischen Museum auf dem Programm.

Meine Gedanken waren selbstverständlich schon bei den möglichen Weihnachtsgeschenken und den zu erwartenden Leckereien. Aber das Staunen vor all den Vitrinen und Schaukästen verkürzte die zehrende Wartezeit doch enorm! Im Technischen Museum gefiel mir der Salonwagen der Kaiserin Sissi am besten. Natürlich, das nachgebautes Bergwerk war auch nicht schlecht…

Mein Bruder liebte und bestaunte, glaube ich, vor allem die Flugzeuge, die von der Decke dieses mächtigen Bauwerks hingen..

Am Abend dann wurde bei uns endlos lange gesungen, Geige und Flöte gespielt und Gedichte gelesen. Der Höhepunkt ( nickten manche da womöglich kurz ein?) war dann die Weihnachtsgeschichte von Maria und Josef auf dem Weg nach Bethlehem, aus einer in schwarzglänzendes Papier gehüllten Luther-Bibel. Ohne die ging Weihnachten wirklich nicht!

Auch suchte meine Mutter jedes Jahr eine neue, bezaubernde Weihnachtsgeschichte heraus und trug sie uns mit ihrer hellen, klaren Stimme vor.

(es gab immer Freiwilligen-Mangel für’s Vorlesen…)

Wir befanden zum Beispiel, dass mein Vater, obwohl ein grosser Rhetoriker, die Geschichten zu schnell und zu trocken vortrug. Die Weihnachtsgeschichten waren ihm, so meine Vermutung, schlicht und einfach zu pathetisch und er gab uns das in dieser Art und Weise zu verstehen. Aber wer weiss, vielleicht tue ich ihm ja Unrecht!

Mein Bruder Florian las Gedichte und Geschichten ausnahmslos wunderschön und in elegant-getragenem Tonfall vor, war aber keineswegs immer in Laune, das auch zu tun. So wie ich. Meine wichtigste Aufgabe war vor allem das Anstimmen der Lieder. Ausserdem war ich noch für Geigen und Flöten zuständig, früher auch im Duett mit meinem Bruder. Das war vor allem sehr heiter und ab und an sogar bravourös! Ähem.

Meine Mutter hingegen hatte unbestritten die Rolle des Starsoprans inne und war nebstbei unsere wackerste Flötistin. Sie liess sich auch trotz unserer Scherze über eventuelle Übungs-Defizite, Hüsteln beim Vorlesen, ja sogar ( unerhörter Vorwurf !) falsches Einsetzen beim Musizieren nicht entmutigen …

Kurzum: So war Weihnachten in und mit meiner Familie!

Schokoschirmchen-1972 Vintage

Weihnachtsgaben

Jetzt aber zu meiner Lieblings-Weihnachtsgeschichte: Sie spielt eigentlich an einem Nikolo-Tag in der Innenstadt, und sie hat so etwas wunderbar romantisches. Und das schönste an dieser Geschichte ist, sie ist wahr!

Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin

Die Geschichte von Richard Beer-Hofmann und Paula Lissy

von Dietmar Grieser

5. Dezember 1895, kurz vor 20 Uhr. In wenigen Minuten schließt der elegante Laden an der dem Riesentor des Doms zugekehrten Hauptfront des Stephansplatzes. Einer der dienstbaren Geister, Hemdbluse aus mattem schwarzem Satin und Batistschürzchen mit Spitzeneinsatz, macht sich daran, in den Auslagen große Bögen Seidenpapier über die Tabletts mit dem Teegebäck zu breiten, über die Bonbonnieren, Krampusse und Nikolos. Bald werden auch die Rolläden heruntergelassen sein.

Es ist also ein verflixt später Kunde, der da in höchster Eile noch knapp vor Toresschluß das Geschäft neben der Textilhandlung Rothberger und der Brautausstatter Riedel & Beutel betritt: Dr. Richard Beer-Hofmann, der neunundzwanzig Jahre alte Dichter aus dem Kreis um Arthur Schnitzler, Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal.

Er hätte leicht früher kommen können. Der Sohn aus gutem Haus, materiell unabhängig, ist an keinerlei geregelte Dienstzeiten gebunden, und auch der Weg, den er zurückzulegen hat, ist nicht der Rede wert: Seine Wohnung befindet sich in der Wollzeile, im fünften Stock des Berta-Hofes, des herrschaftlichen Hauses neben der Apotheke »Zum römischen Kaiser«.

Nun, vermutlich ist ihm erst im letzten Augenblick eingefallen, dass er noch kein Nikologeschenk für die exzentrische Dame besorgt hat, die seit einigen Monaten in Wien zu Besuch weilt und im berühmten Café Griensteidl das Leben der Dichterrunde von »Jung-Wien« teilt: Lou Andreas-Salomé. Nietzsches Exfreundin, die bald auch ihre legendäre Rolle im Leben Rainer Maria Rilkes antreten wird, ist fünf Jahre älter als Beer-Hofmann: Der Dichter, der bis jetzt nur mit impressionistisch-psychologisierenden Novellen wie ,Camelias‘ oder ,Das Kind‘ hervorgetreten ist, zählt zu ihren Bewunderern.

Für eine so mondäne Person kommt nur ein Mitbringsel von erlesenem Geschmack in Frage, Beer-Hofmann entscheidet sich für kandierte Früchte. Fräulein Karolin, nicht nur an der Seidenbluse und an der Taftschürze, sondern vor allem an dem in Horn gefassten, an einer langen schwarzen Seidenschnur hängenden Zwicker als Leiterin der Confiserie erkennbar, wendet sich, bevor sie den Geschäftsdiener anweist, die Sicherheitskette vorzulegen, dem letzten Kunden zu und empfiehlt ihm eines der fertigen Körbchen: französisches Obst, gemischt. Nein, gemischt, erwidert er, wäre wohl nicht das Richtige. Er verlangt nach den kleinen bitteren Orangen.

»Chinois?«

»Ja, Chinois. Die Hälfte grün, die Hälfte gelb.«

»Und wie groß darf das Körbchen sein?«

»Dreißig bis vierzig Stück.«

Fräulein Karolin nimmt Schreibblock und Bleistift vom Kassenpult und notiert: »Zwanzig grüne, zwanzig gelbe Chinois- Körberl viereckig – Atlasband extrabreit blau- am Deckel Ilex-Zweigerl- so rasch wie möglich.« Dann trennt sie den Auftragszettel vom Block, drückt ihn der Kassierin in die Hand und gibt Anweisung, das Fräulein Paula mit der weiteren Abwicklung zu betrauen. Gleichzeitig weist sie dem Kunden die Richtung: »Bitte bis ganz hinunter zu gehen – das letzte Fräulein, das mit dem gestrickten schwarzen Wollkragerl. «

Richard Beer-Hofmann bahnt sich den Weg an den noch immer von Kunden dicht umdrängten Ladentischen vorbei, bis er das Wandregal mit den gläsernen Aufsätzen erreicht, in denen das kandierte Obst gelagert ist. Woran es wohl liegen mag, dass er, entgegen seiner sonstigen Zerstreutheit, dem Hantieren der Verkäuferin, jeder einzelnen ihrer Bewegungen wie gebannt zuschaut?

Wie sie mit der Silberzange nach den Früchten greift, sie in die gefältelten weissen Papierkapseln bettet, diese in das gepolsterte Körbchen einlegt, wie sie das durchbrochene Spitzenpapier darüberbreitet, von der Spule das genaue Quantum Atlasband löst, aus einer der Laden einen kleinen Zweig Ilex hervorholt, diese steifen, stacheligen und sattgrün glänzenden Blätter mit den rot leuchtenden Beeren, und mit ebensolchem Geschick wie ruhigem Gleichmaß ihr Werk vollendet?

Durch die Kunden, die sich vor ihm ums Ladenpult drängen, verdeckt, sieht er nur das Hantieren der Finger. Aber es genügt, um ihn in Ekstase zu versetzen, in eine unerklärliche, nie zuvor erlebte Faszination. Erst als die stumme Erscheinung nach dem Herrn fragt, »der das Körbchen mit den Chinois bestellt hat«, der also Angesprochene wie ein Schulbub mit der Hand aufzeigt und an den zur Seite rückenden Kunden vorbei an den Ladentisch herantritt, steht er ihr Aug‘ in Aug‘ gegenüber: ein schlankes, hochaufgeschossenes Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren, seidig hellbraunes Haar. »Soll vielleicht ein kleiner Krampus dazugelegt werden oder ein Nikolo?« fragt sie und blickt nun ihren Kunden erstmals direkt an.

Richard Beer-Hofmanns Antwort ist nicht überliefert. Wohl aber, was weiter geschah.

Beer-Hofmann verlässt, das Päckchen in der Hand, den Laden und bezieht auf dem Stephansplatz Warteposten: »noch benommen, noch nicht genau wissend, was geschehen soll, nur entschlossen, nicht wegzugehen, ehe ich sie nicht nochmals gesehen«.

Misstrauisch beobachtet er den jungen Mann mit Brille, der so wie er vor den Schaufenstern der Firma Victor Schmidt & Söhne auf und ab geht und so wie er das Schließen des Geschäftes abzuwarten scheint. Sein Misstrauen steigert sich zur Qual, als die Filialleiterin auf die Straße tritt, ihren Paletot zuknöpft, den schmalen Pelzkragen aufstellt und den vorm Geschäftsportal Wartenden anspricht: »Oh, Herr Lissy, sie kommt gleich, die Paula. «

Paula – da stockt sein Atem. Ganz richtig, das ist ihr Name. Sie also ist es, die der junge Mann abholt. Ihr Verehrer? Ihr Verlobter? Ihr Mann?

»Aber sie kann heute erst als letzte weggehen«, fährt sie fort, »sie hat Dienst.« Dann dreht sich das Fräulein Karolin um und ruft dem Geschäftsdiener, der gerade die Rolladen der Auslagen herablässt, zu: »Sagen Sie dem Fräulein Paula, dass ihr Bruder wartet. Ihr Bruder, Richard Beer-Hofmann atmet auf. »Es ist mir sehr recht, dass ich Sie einmal allein sprechen kann, Herr Lissy«, wendet sich Paulas Vorgesetzte, statt den Heimweg anzutreten, nochmals dem Wartenden zu, und Beer-Hofmann, seine gute Kinderstube vergessend, lauscht aus sicherer Entfernung dem Gespräch.

»Ich möcht’ Sie nicht gern ängstlich machen, aber Paula hustet stark.«

»Sie hat halt, wie sie sieben Jahr’ alt war, einen Lungenspitzenkatarrh gehabt. Und mit dreizehn abermals. Doch wie die Mutter, vielleicht ein halbes Jahr vor ihrem Tod, mit ihr beim Professor war, hat sie der beruhigt, sie sei völlig ausgeheilt.«

»Schauen Sie, Herr Lissy, sie ist so hoch aufgeschossen und schlank. Sie müssten mit ihr doch wieder zu einem Doktor. Vor allem dürfte sie jetzt, bei schlechtem Wetter, nicht ausgehen und müsst’ viel Milch trinken und viel schlafen. Wenn sie in der Früh ins Geschäft kommt, sieht sie schon so müd aus und blass und ist so still und ernst. Der Chef hat mir jetzt bewilligt, dass sie von nächster Woche an statt einer Stunde anderthalb Mittagspause hat, damit sie nicht so hetzen muss, wenn sie essen geht. Sie hat übrigens wunderschöne Hände, nur leider recht verdächtig heiß. Könnten Sie denn ohne das bissel Gehalt, das die Paula hat, in der Wirtschaft nicht auskommen? Muss sie unbedingt auch verdienen?«

»Aber nein, sie müsst’ nicht, wenn sie nicht so eigen wär’. Wir Brüder geben, so viel wir können, her. Wir müssen es uns schon sehr genau einteilen, aber wir sind noch immer ganz gut durchgekommen. Und das Zimmer von der Mutter, das wir ja nicht benützen, könnten wir leicht vermieten. Aber die Paula lässt’s nicht zu – sie erträgt es nicht, dass es uns auch noch was einbringen soll, dass die Mutter gestorben ist.«

In diesem Augenblick geht die Ladentür auf, und Paula tritt auf die Straße hinaus, in die schon etwas knappe schwarze Jacke mit dem Astrachan-Kragerl gezwängt, ein Matrosenhütl aus steifem Lack auf dem Kopf. »Hängen Sie sich fest in mich ein«, fordert das besorgte Fräulein Karolin sie auf, »und geh’n wir rasch, da wird uns gleich wärmer, ich bring’ Sie bis zur Michaelerkirche.«

Beer-Hofmann, der sich den dreien kaum nachzublicken traut, so wanken ihm die Knie, folgt ihnen in gemessenem Abstand. Er muss achtgeben, dass er die Gruppe nun, da es auch noch zu schneien begonnen hat, nicht aus den Augen verliert: Goldschmiedgasse, Graben, Trattnerhof, Kohlmarkt. Am Michaelerplatz verabschiedet sich das Fräulein Karolin, jetzt hängt sich Paula bei ihrem Bruder ein, durch die Schauflergasse und am Volksgarten vorbei geht’s der Ringstraße zu und jenseits der Ringstraße in die Neustiftgasse, wo die elternlosen Geschwister zu Haus sind.

An diesem Abend, den Richard Beer-Hofmann fünfundvierzig Jahre später, als greiser Witwer im amerikanischen Exil sein Erinnerungswerk ,Paula‘ zu Papier bringend, seine »wahre Geburt« nennen wird, findet er lange keine Ruhe.

Der kurze Blicktausch über den Ladentisch hinweg lässt ihn nicht mehr los. Seine Gefühle für das geliebte Wesen gehen weit über sinnliches Begehren hinaus: Ohne noch von ihr die geringste Ermunterung dazu empfangen zu haben, sieht er sich bereits Pläne schmieden, ganz konkrete Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Wenn sie wirklich so hinfällig ist, muss sie fort von hier, irgendwohin in den warmen Süden. Und natürlich mit ihm!

Aber wieso »natürlich« ? Wer sagt denn, dass sie frei ist? Und wenn sie frei ist: Wer sagt denn, dass sie seine Neigung auch erwidert? Und wird das Geld, das er flüssigmacht, indem ihm sein Onkel eines seiner Wertpapiere abkauft, für einen längeren Auslandsaufenthalt ausreichen? Für zwei Personen, zwei, drei Jahre in Italien?

»Incipit vita nova!« wird der greise Richard Beer-Hofmann Dante zitieren, wenn er in seinem Lebensrückblick jenen Wiener Winter 1895/96 einzuordnen versucht »Hier hebet an das neue Leben!« Alles, was bisher gewesen, die früheste Kindheit in Wien, der Verlust der Mutter, die ihm, dem nur fünf Tage Alten, am Kindbettfieber wegstirbt, die Adoption durch den Onkel, den Tuchfabrikanten in Brünn, die Schülerjahre am AkademischenGymnasium, das Jus-Studium und die Weigerung des frisch Promovierten, in die väterliche Rechtsanwaltskanzlei einzutreten, das Untertauchen im Kreis der Dichterfreunde und schließlich die ersten eigenen Schreibversuche, »mein ganzes Leben bis zu diesem Tag ist nur ein vorbestimmter Weg zu ihr«. Zu dieser Paula Lissy, die noch immer nichts von ihm weiß, mit der er noch immer kein einziges Wort gewechselt hat, außer dem einen, als er, ein Kunde unter so vielen, ein Körbchen kandierter Früchte aus ihrer Hand in Empfang nahm. Am Vorabend von St.Nikolaus, im Stadtgeschäft von Victor Schmidt & Söhne am Stephansplatz.

An der Michaelerkirche passt er sie am nächsten Abend ab, nun kennt er ihren Weg. Um nur ja nichts zu riskieren, hält er nach zwei Seiten Ausschau: Sie könnte ebenso gut über den Kohlmarkt kommen wie durchs Michaeler-Durchhaus. Beim Volksgarten wagt er es, sie anzusprechen. Paula hält beide Hände in ihrem Muff versteckt, noch kommt es zu keinem Händedruck. Erst bei der Verabschiedung reicht sie ihm die schwarzbehandschuhte Rechte, er lüftet den Hut und neigt sich zum Handkuss. Einige Tage später ihr erstes »wir« angesichts einer hungrigen Amsel, die die beiden Spaziergänger anbettelt: »Sie hofft, dass wir noch etwas für sie haben.« Schliesslich die Hand, mit der sie ihm übers Haar streicht: »Du darfst nie krank sein.« Und seine Gewissheit: »Jetzt ist jemand da, der mich hütet, dessen weisse Flügel sich über mir breiten. Nichts kann mich mehr ängstigen. Schon trage ich sie immer geborgen in mir, Herz meines Herzens.«

Richard Beer-Hofmann und Paula Lissy kommen einander mit jedem Tag näher. Freilich behutsam: »Durch nichts zu Jähes darf sie verschreckt werden.« Unmerklich will er die dreizehn Jahre Jüngere an sich gewöhnen. »Sie darf sich nicht beengt fühlen durch meine Nähe. Ich merke, dass ich fast immer ein wenig gedämpft mit ihr spreche.«

Den Dienst in der Confiserie hat sie mittlerweile quittiert; um ihrer angegriffenen Gesundheit willen braucht sie nun nicht mehr so früh aufzustehen wie sonst, der Morgenkaffee mit der abgekochten Milch wird schon am Vorabend in die verkorkte Flasche gefüllt, die Hausmeisterin bringt ihr gegen neun das Frühstück ans Bett. Zum Mittagessen, in einem kleinen Gasthaus am Grund vorbestellt, gesellt sich der Geliebte ihr bei; zuvor bricht man zu gemeinsamem Spaziergang auf, Beer-Hofmanns Dogge »Flirt« ist mit von der Partie. Nach Tisch muss Paula ihm versprechen, sich für zwei Stunden niederzulegen. Um die fünfte Stunde Gegenbesuch bei ihm in der Wollzeile. Ihre erste Sorge gilt den Blumen: »Mit einem kleinen Löffel lockert sie die Erde, mit abgestandenem Wasser gießt sie, mit einem reich getränkten Schwamm wäscht sie die Blätter.«

Das Nachtmahl nimmt man getrennt ein, vorher bringt er Paula nach Haus. Damit sie früh ins Bett kommt, bevorzugt man bei gemeinsamem Theaterbesuch Nachmittagsvorstellungen. Wenn sie vor ihrem Haustor auseinandergehen, verweilt er auf dem gegenüberliegenden Trottoir, bis die Fenster ihres Zimmers erleuchtet sind.

Es wird Frühling. Im Prater führt er sie in den »Pavillon des Amateurs« hinter der Rotunde, eine der Attraktionen, die noch von der Weltausstellung Anno 1873 übrig geblieben sind. Die Malerin Tina Blau, mit Beer-Hofmanns Adoptiveltern eng befreundet, lädt das junge Paar in ihr Atelier ein.

Wenn man, bei ihm zu Besuch, in den Familienalben blättert, geht’s gründlich zu: Kein Onkel, keine Großmutter, kein Hund, keine Katze, über die Paula nicht Näheres zu erfahren wünschte. »Ihre Liebe greift aus, umfängt fromm alle, die vor mir waren und mich lieb hatten.« Ebenso er: »Jeder möchte alles vom andern wissen, und nun wird es etwas wie eine große Kammer auf dem Boden eines alten Hauses, und alle unsere Erinnerungen tragen wir zusammen, und nur wir haben den Bodenschlüssel. «

Später im Frühjahr tritt man die erste gemeinsame Reise an: Nach Fürberg am Wolfgangsee. Im Jahr darauf Ischl.

Und im September, nun wieder daheim in Wien, kommt Tochter Mirjam zur Welt. Das ,Schlaflied für Mirjam‘, das der überglückliche Vater zwei Wochen nach der Geburt schreibt, wird eines der wenigen Werke sein, deren Ruhm ihren Schöpfer überdauert: Freund Hermann Bahr preist es als das beste Gedicht seit Goethes ,Über allen Gipfeln ist Ruh‘.

Rilke, der es auswendig lernt, bittet um die Erlaubnis, es bei Vortragsabenden öffentlich lesen zu dürfen, und berichtet nach einem halbjährigen Landaufenthalt in Schweden, »dass man mir nach unserem Gut hin, von anderen Gütern her, den Wagen schickte, wie man einen Arzt holen lässt, nur damit ich sonst fremden Menschen, die von der ausserordentlichen Schönheit dieses Gedichtes gehört hatten, die Verse vorspräche«.

Als Mirjam, der Hugo von Hofmannsthal seine ,Verse auf ein kleines Kind‘ widmet, acht Monate alt ist, erbringt Paula ihrem Richard einen weiteren Beweis für die Grenzenlosigkeit ihrer Liebe: Die aus streng katholischem Haus Stammende konvertiert zum mosaischen Glauben ihres Gefährten. Im Tempel in der Florianigasse wird das Paar getraut. Ihre Brüder, die sich der Verbindung widersetzen, lernen die sonst so gefügige Paula von einer ganz neuen Seite kennen: als glühende Verteidigerin ihrer Unabhängigkeit.

»So groß war unsere Liebe, dass noch das Weh, dass du nicht mehr da bist, wie ein Ausströmen von Seligem ist«, resümiert Richard Beer-Hofmann am Ende seines Lebens das Außerordentliche dieser Beziehung. »Ich denke Tage, und ich denke Jahre, und alle heißen Paula.« Und so heißt auch das Buch, das er der Rückschau auf sein Leben widmet, ,Paula‘.

Paula – Ein Fragment

Ein Fragment wohl nicht nur, weil ihm als Buch die letzte Vollendung versagt geblieben, sondern auch, weil ihm die Hauptfigur vor der Zeit weggestorben ist: 1939, auf der Flucht ins Exil.

Richard und Paula Beer-Hofmann müssen im Frühjahr 1938, den Nationalsozialisten weichend, ihre Cottage-Villa in der Hasenauerstraße aufgeben.

Zuerst wohnen sie in der Pension Bettina in Döbling, dann in der Pension Atlanta auf dem Alsergrund.

Die erste Herzattacke, noch in Wien, überlebt Paula, die zweite, in Zürich, nun schon auf dem Weg ins Exil, nicht. Auf dem Israelitischen Friedhof im Vorort Friesenberg findet sie ihre letzte Ruhestätte.

Die Weiterreise nach New York muss der Dichter, inzwischen dreiundsiebzig, allein antreten. Tochter Mirjam (und die ein Jahr später geborene Naemah) nehmen sich des Verwitweten an. Kostbarstes Inventar in der Emigrantenwohnung an der Upper West Side von Manhattan, Cathedral Parkway Nr. 412: ein Ölgemälde des Hofmannsthal-Schwagers Hans Schlesinger, spätimpressionistisch. Es hängt in Beer-Hofmanns Arbeitszimmer, gleich gegenüber dem Stehpult.

Und zeigt Paula, seine Frau.

Auch ein paar der besten Möbelstücke aus dem Wiener Besitz hat man retten können. Sie wandern zum Antiquitätenhändler; ein Freund der Familie, selber Emigrant, eröffnet damit sein Geschäft. »In dem Laden schaut’s aus wie bei Beer-Hofmanns«, heißt es unter den Wiener Emigranten, die noch den Besitz in der Hasenauerstraße in Erinnerung haben .. .

Die sechs Jahre, die der Dichter selber noch zu leben hat, widmet er über weite Strecken dem Gedenken an die geliebte Frau. Im April 1940 bringt er zwei Träume zu Papier, in denen ihm Paula erschienen ist. Den Sommer verbringt er bei Freunden im nahen Woodstock, dort setzt er seine Aufzeichnungen fort: Beer-Hofmanns grosses Erinnerungswerk ,Paula‘ beginnt Gestalt anzunehmen. Sein Erscheinen erlebt er selber nicht mehr.

Erst 1949, vier Jahre nach seinem Tod, bringt es der New Yorker Emigrantenverlag Johannespresse als Buch heraus, in dem Richard Beer-Hofmann eigenen emphatisch-ergriffenen Stil, der heute auf keine Leser mehr zählen kann. Und in der Originalsprache Deutsch.

Da ist es umso tröstlicher, dass auf andere Weise für die Wiedervereinigung dieser beiden großen Liebenden gesorgt ist: Richard Beer-Hofmann ist im selben Grab beigesetzt, in dem er seine Frau zurücklassen musste, als sie ihm auf der Flucht ins Exil starb. Auf dem Friesenberg-Friedhof in Zürich.

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