Die SÜWAG in Wien • Die Erdbeere

Die SÜWAG in Wien

Posted by on Oct 20, 2013 in Geschichten und Reisen, Tips, Wien

Heute eine Einladung zu einer Zeitreise in eine andere Welt.

Genauer gesagt in die Sechshauserstrasse 43 im fünfzehnten Wiener Gemeindebezirk. In eine dort seit über 50 Jahren ansässige Institution, die SüsswarenAG, kurz SÜWAG.

Süwag 1150 Wien

Nun bin ich erstens ein sehr nostalgisch veranlagter Mensch, und zweitens ein Wiener Kind.

Das eine potenziert das andere, zu mindestens in meinem Fall.

So kommt es, dass, in welcher Stadt ich auch bin, ich die Orte, die ein wenig versteckt, mit ihrer eigenen Geschichte, etwas abseits der Hauptmeridiane, und in ihrer ureigenen Form erhalten, lieber mag, als die geleckten, mit Geld und forschem Aufmotz-Zwang von gewieften Geschäftsleuten errichteten Läden… (Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel)

Mein Herz möchte Stimmungen einfangen, meine Fantasie versucht, Geschichten vergangener Tage zu erahnen, meine Augen wollen Ungewöhnliches sehen.

Und ungewöhnlich, ausserordentlich, einzigartig, das ist die SÜWAG mit Sicherheit!

Wiener Tortendekorfabrik

Allein der Name in seiner wunderbaren, etwas verschrobenen Nüchternheit ist wahrlich ein Relikt aus einer anderen Zeit!

Eine Zeit, in der man Geschäfte noch nach ihren Waren benannte und es nicht nötig hatte, sich Modetrends anzupassen, backwütige Bobos mit Cupcake-Präsentiertellern anzulocken und sich mit Cake-Pops-Sets kessen Hausfrauen anzubiedern…

(Bitte keine Protest-Emails zur Ehrenrettung von Cupcakes und Cakepops zu schreiben, ich esse diese Dinge sehr gerne. Sie sind nur Sindflut- artig über uns gekommen, als wenn wir in Mitteleuropa keine eigene Backtraditionen hätten.)

Erst seit ein paar Jahren kenne ich diesen Hauptsitz der SÜWAG.

Als ich ein kleines Mädchen war, pilgerten meine Mutter und ich immer in die Josefstädter Strasse, wo die SÜWAG eine kleine Dependance hatte. Wir kauften Rosen aus Oblaten-Teig, Zucker-Blümchen, kandierte Veilchen und, ganz wichtig, sogenannte Ehrenkerzen, die auf keiner Geburtstagstorte fehlen durften. Das sind die Kerzlein, die, in Gold, mit grünen Verziehrungen und entweder mit gelbem, roten, blauen oder rosa Dekor, in der Mitte einer  jeder Torte, die etwas auf sich hält, prangt. Inmitten der anderen Kerzen in der Anzahl der Lebensjahre.

Sie werden heute noch immer verkauft, zum Glück, denn ich wüsste nicht, wo ich sie sonst finden würde!

Leopoldsberg, Wien, November 2012

Nun ist dieses Geschäft zu und ich entdeckte spät, aber doch, den Hauptsitz.

Er ist, wie schon erwähnt, in der Sechshauserstrasse, etwas versteckt in einem typisch wienerischen Hof, den man durchquert und dort, wo die vielen Pflanzen stehen, die Eingangstür findet. Und  Very Vintage, indeed..!

Eingang im Hof

Es empfängt einen der Junior-Chef ‘Schoko-Michi’ inmitten seiner Schätze, assistiert von einer Verkäuferin, der man den Titel ‘Wiener Original’ verleihen müsste!

Der Junior-Chef 'Schoko-Michi'

Immer ein Gruss, wenn man eintritt, immer ein Rat, wenn man ihn braucht, immer eine Einladung zum Verkosten der Leckereien, die das Geschäft anbietet!

Waffelböden für Kokoskuppeln

Tortenspitzen aller Art und Form, unglaublich viele Dekorationen für Taufe und Hochzeit, die ergiebigsten Lebensmittelfarben (ich glaube, ich werde mit diesen kleinen Tütchen bis an mein Lebensende Baiser und Zuckerglasuren einfärben können!), die Spezialität des Hauses, Schicht-Nougat, alle möglichen Backformen, unzählige kuriose Keks-Ausstecher, Spritztüllen, Backspray, wie ihn die Profis verwenden, speziell geformte Oblaten für Kokoskuppeln (siehe mein Post Wiener Mocca-Kokoskuppeln), Marzipan-Dekor  und und und!

Kokoskuppeln-by-DieErdbeere

Auch wurde das Geschäft vor kurzem umgestellt, der Laden ist nun, nennen wir’s, begehbarer ( davor handelte es sich um ein charmantes, aber unglaublich enges Labyrinth, das sich dem nicht geübten Besucher nur langsam und mit einem gewissen Zeitaufwand erschloss. Man musste, wenn man etwas bestimmtes gefunden hatte, sich sehr konzentrieren, um es nachher wieder zu finden).

Sammlerstücke

Nun wurde ein bisschen Platz geschaffen und es erfreuen sogar Vitrinen mit alten Blechschachteln und Sammlerstücken den Besucher ! Auch eine wunderschöne alte Registrier-Kassa gibt es zu bewundern. Ich finde es sehr schön, dass man diesen Objekten  Ehre erweist und sie ins rechte Licht gerückt hat!

Glückliche Brautpaare  Süwag

Wer nun Lust auf eine Reise in das Wien der fünfziger Jahre bekommen hat, der setze sich, nach einem Café im Palmenhaus im Burggarten, in den Bus 57a vis-à-vis des Hauptausganges beim Mozart-Denkmal (Endstation: lauter freie Sitzplätze!), reise eine Viertel Stunde quer durch Wien und steige bei der Station Stiegergasse aus !

Man muss dieses versteckte Eck von Wien einmal gesehen haben!

Zuckerbäcker werden mit vollen Taschen und einem seligen Lächeln wieder rauskommen.

Die SÜWAG, eine Wiener Institution.

Rosen aus Oblatenteig

P.S. Danke dem lieben Junior-Chef  für die Aufnahmen, ich weiss, der Senior ist kein Photo-Fan… !

Dieser Post lag mir aber sehr am Herzen und ohne diese Photos wäre alles nur halb so schön gewesen!

Michael Reimer Süwag

2.Mai 2014:

Erstens: Gerade habe ich auf Yelp gesehen, dass ein paar sehr nett und treffend geschriebene Kommentare über die Süwag zu lesen sind!

Hier der Linkhttp://www.yelp.at/biz/süwag-süßwaren-wien

Zweitens: Die Filiale in der Josefstädterstrasse ist wunderschön umgestellt worden, aber offensichtlich wird noch jemand für den Verkauf gesucht und daher ist sie noch nicht geöffnet.

Drittens: Als ich vorbeiging, sah ich eine Parte-Karte an der Tür kleben: Leider ist die Frau Mama vor ein paar Monaten gestorben. Ich fand sie unglaublich rührend in ihrer schüchternen Art. Sie war sicherlich die gute Seele der SÜWAG.

So hat sich auch aufgekärt, dass die vermeintliche Verkäuferin (als ich einmal ein kleines Interview für diesen Blog erbat, antwortete sie mir, sie sei nur die Verkäuferin und ich möge mich an den ‘Schoko-Michi’ wenden. Ich wunderte mich, denn ich war davon ausgegangen, das sie die Senior-Chefin war…

Dieses Interview hat übrigens niemals stattgefunden, denn jedesmal wurde ich etwas umständlich abgewimmelt auf ein andermal vertröstet. Wahrscheinlich ist es anderen Bloggern und Journalisten nicht anders ergangen!

Verschroben, aber dem Charme dieser Institution  kann es keinerlei Abbruch leisten, im Gegenteil!

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4 Comments

  1. Evelyne
    June 10, 2014

    Hallo,
    das ist ein sehr schöner Beitrag, nette Bilder, vielen Dank!
    liebe Grüße,
    Evelyne

  2. Julena Roth
    June 24, 2014

    Vielen Dank für diesen netten Beitrag, der wirklich neugierig macht und wunderbar geschrieben ist. Ich denke, dass ich auf meiner Suche nach schönen Tortenspitzen bei Süwag genau richtig bin :-).
    Alles liebe,
    Julena

  3. Karin P. Cremer
    March 26, 2015

    Ich liebe dieses nostalgische Geschäft und bin wirklich froh und dankbar, dass es in unserer Zeit und Großstadthektik noch so einen wirklich netten Familienbetrieb gibt. Leider bin ich keine begnadete Bäckerin (außer Keksen),aber 2-3 im Jahr MUSS in Besuch bei der Firma SÜWAG sein.
    Vielen Dank, viel Erfolg und alles Liebe für die kommenden Jahre!

  4. Anina
    April 8, 2015

    Liebe Karin!
    Obwohl es ja wirklich ein skurriler Laden ist, hat er, wie ich merke, doch oder gerade deswegen, seine treuen Fans!
    Ich gehe auch immer wieder wegen der einen oder anderen Back-Zutat dort hin.
    Alles Liebe,
    Anina

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